„Achtung, fertig, los!“

Anfang August wechselte Tranquillo Barnetta überraschend in die Major Soccer League zu Philadelphia Union. Sportlich und finanziell lukrativere Angebote aus Deutschland und England lehnte der erst 30-jährige Fussballer ab. Etwas Besonderes erleben, etwas anderes machen lautete seine Begründung.

Zufrieden klatscht Tranquillo Barnetta seinen Mitspieler ab. Soeben hat er dem eingewechselten Conor Casey den Ball mittels Freistoss zentimetergenau auf den Kopf serviert. Das 2:1 vier Minuten vor Schluss gegen San José bedeutet der Sieg und drei wichtige Punkte im Kampf um die Playoffs. Im siebten Spiel für Philadelphia Union trägt sich Barnetta erstmals in die Liste der Passgeber ein und erstmals spielt er über die volle Spieldauer. Der Schweizer ist in seiner neuen Heimat, in der Major Soccer League angekommen und nimmt zunehmend mehr Einfluss auf die Mannschaft.

Kaltstart

Zu Beginn in Philadelphia spürte Barnetta, dass er in eine eingespielte Mannschaft kam, die mitten in der Meisterschaft stand. Sein erster Einsatz wenige Tage nach seiner Ankunft verlief denn auch nicht wunschgemäss. Kurz nach seiner Einwechslung verursachte er einen Penalty, der die Niederlage gegen die New York Red Bulls einleitete. Doch weder der Spieler noch der Trainer liessen sich davon beirren. Fortan gehörte Barnetta zur Stammformation und spielte jeweils die ersten 60, 70 Minuten. Die Bilanz ist ausgeglichen: drei Siege stehen drei Niederlagen und zwei Unentschieden gegenüber. Für Philadelphia, das zuvor am Tabellenende lag, ist dies bereits ein Fortschritt und die Hoffnungen auf einen Playoff-Platz sind wieder erwacht. Das grosse Ziel in diesem Jahr ist jedoch der Final des US Open Cups, für den sich die Mannschaft zum zweiten Mal nach 2014 zu qualifizieren vermochte. Für Barnetta, der im Halbfinale zum Sieg beitrug, wie für den Klub wäre es der erste Titelgewinn überhaupt.

Eigene Welt

Mit der Spielweise der Philadelphia Union und in der MLS generell musste sich Barnetta zuerst anfreunden. „Es wird hier weniger taktisch gespielt als in Europa. Mehr im Stil von Achtung, fertig, los", meint er. Dadurch, dass das Spiel weniger strukturiert und das Tempo stets hoch sei, brauche es mehr Kraft und ein anderes Spielverständnis. Die ausgeglichene Liga, verbunden mit teils mehrstündigen Reisen durch verschiedene Zeitzonen hinweg tragen das ihrige zur Besonderheit der amerikanischen Liga bei. Dafür treffe man sich bei Heimspielen erst eineinhalb Stunden vor dem Anpfiff und nicht bereits wie in der Bundesliga am Vortag. Bewerten mag Barnetta diesen Umstand nicht, denn auch in Englands Profifussball sei dies ja gang und gäbe. Beeindruckt hat ihn hingegen das eigene, mit mehreren Plätzen ausgestattete Trainingszentrum und die schmucke Fussballarena für 18'000 Zuschauer. Das wäre schon mal ein Vorgeschmack auf St. Gallen, wohin es Barnetta zum Karriereabschluss hinziehen dürfte.

Heimatverbunden

Mit dem FC St. Gallen stand Barnetta vor seinem Wechsel in die USA in engem Kontakt. Ein konkretes Angebot lag vor und der Ostschweizer liebäugelte erstmals nach elf Jahren Bundesliga mit einer Rückkehr zu seinem Jugendverein, bei dem er 2002 auch seinen Einstand bei den Profis gab. Der Reiz, noch etwas Anderes zu machen und möglichst viel Neues zu erleben gab schliesslich den Ausschlag für die USA. Eine Rückkehr schliesst er aber nicht aus, zumal sein Vertrag bei Philadelphia Union vorerst bis Ende 2016 läuft. Ebenso offen lässt der 75-fache Internationale seine Zukunft in der Nationalmannschaft. Obwohl zuletzt nicht mehr im Aufgebot, verfolgt er die Spiele auch aus der Distanz und ist überzeugt, dass sich das Team für die EURO 2016 in Frankreich qualifizieren wird.

Schweizer Unterstützung

Für den Moment gilt sein volles Augenmerk dem neuen Klub und dem Gastgeberland. Der als umgänglich und unkompliziert geltende Barnetta hat sich in seiner neuen Umgebung rasch eingelebt und es scheint ihm spürbar zu gefallen. Die Stadt mit der historischen Vergangenheit und der für US-Grossstädte üblichen Skyline konnte er schon erkunden und vor wenigen Tagen hat er auch ein eigenes Appartement bezogen. Als nächstes steht nun die Kontaktaufnahme mit Mark Streit, einem anderen Schweizer Sportler Philadelphias an. Die langjährigen Erfahrungen des Hockeyprofis der Flyers, gepaart mit der Schweizer Optik auf die Eigenheiten des amerikanischen Alltags, werden Barnetta weiterhelfen, sich noch besser zu akklimatisieren. Dass die Essensportionen wesentlich grösser sind als in Europa und selbst ein Salat zwei Erwachsene nähren kann, hat er dabei schon selber erfahren.

Marc Wälti, San José


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