Pfeiffersches Drüsenfieber als Antrieb

Marc Wälti hat den Schweizer Eishockeyaner Timo Meier getroffen, der mit einem Tor in der NHL debütierte. Pfeiffersches Drüsenfieber hatte ihn Anfang Saison noch zurückgeworfen.
Am Wochenende debütierte mit Timo Meier (20) ein weiterer Schweizer in der National Hockey League (NHL). Der Herisauer trug sich beim 4:2-Sieg gegen die Montréal Canadiens gleich in die Skorerliste ein. Pfeiffersches Drüsenfieber hatte ihn Anfang Saison noch zurückgeworfen.

Marc Wälti, San José

Was für ein Traumdebüt: im ersten NHL-Spiel gelang Timo Meier mit dem ersten Schuss gleich das erste Tor. In der 14. Minute schoss er das 3:0, das den Weg zum Sieg gegen die Montréal Canadiens ebnete, dem momentan besten Team der Atlantic Division. Hinzu kommt, dass Meiers erstes Profispiel ausgerechnet in der Provinz Quebec stattfand, wo er zuvor während drei Jahren in der vielbeachteten Quebec Major Junior Hockey League (QMJHL) spielte. Meier kam vorwiegend in der dritten Linie zum Einsatz und hatte 10:03 Minuten Spielzeit. Auch 48 Stunden später durfte er bei der 4:1-Niederlage gegen die Chicago Blackhwaks mittun, diesmal allerdings ohne sich als Punktesammler auszuzeichnen.

Pause zur Unzeit

Eigentlich war Meiers NHL-Debüt schon für Mitte Oktober vorgesehen. Mit der Referenz von 160 Punkten in 150 Spielen der QMJHL kam er im Sommer nach San Jose ins Trainingscamp. Betreuer wie Journalisten waren sich einig, dass Meier im überalterten Team des letztjährigen Stanleycup-Finalisten ein Platz gebührt und für die notwendige Blutaufrischung sorgen sollte. Mit Meiers Blut aber stimmte alsbald selber etwas nicht mehr. Der höchste Draft, den die Sharks seit 2007 getätigt haben, fühlte sich plötzlich auf unerklärliche Weise komisch und erschöpft. Eine eingehende Untersuchung brachte schliesslich als Diagnose Pfeiffersches Drüsenfieber hervor. Statt sich mit den vom World Cup zurückkehrenden Spieler auf die neue Saison vorzubereiten, waren erstmals vier Wochen Pause angesagt. Ein harter Schlag, zumal die Krankheit als unberechenbar gilt und auch schon Spitzensportler zum Rücktritt gezwungen hat. Der Tennisspieler Robin Söderling, der bei den French Open 2009 erst im Finale gegen Roger Federer verlor, ist ein solcher Fall. Auch Federer hatte einst mit den Symptomen des Pfeifferschen Drüsenfiebers zu kämpfen, kam dann aber besser denn je zurück. Etwas, was sich auch Meier vorgenommen hatte: „Ich sehe das als Persönlichkeitsentwicklung, die mich weiterbringt und stärker macht", erklärte er nur einen Tag nach dem Diagnosebescheid überraschend gefasst. Und während die Kollegen in Vollmontur Spielzüge übten, ging er alleine Eislaufen und im Kraftraum Gewichte stemmen.

Anlaufschwierigkeiten

Der vorgesehene Platz im Team war damit natürlich weg. Auch den Saisonstart bei den San Jose Barracudas, dem Farmteam der Sharks in der American Hockey League (AHL), verpasste er. Der Trainingsrückstand sorgte dann auch für einen verhaltenen Beginn in der AHL, der – Zitat eines Lokaljournalisten – „niemanden aus den Socken haute". In den ersten fünf Spielen kam Meier gerade mal auf zwei Assists, dafür aber auf 14 Strafminuten. Und er musste sich vom Trainer korrigieren lassen, unter anderem wegen seiner Puckannahme. Meier, der neben seinen Gardemassen von 183 cm und 95 kg durch seine positive Ausstrahlung heraus sticht, liess sich davon nicht beirren und zeigte sich lernwillig: „Mein grosses Ziel ist die NHL, auch wenn dieser Weg über die AHL führt". Die konsequente Arbeit, mit der der frühere Juniorennationalspieler ans Werk ging, begann sich auszuzahlen. In den folgenden Spielen traf Meier neunmal ins Netz und verzeichnete vier Assists. Damit ist der inzwischen der beste Skorer und der drittbeste Punktesammler des Teams. Mit 63 Torschüsse liegt er zudem an zweiter Stelle der AHL-Neulinge. Neben diesen Werten bedurfte es aber für eine Nomination ins Kader der Sharks auch noch verletzungsbedingter Ausfälle. Zur Zeit fehlen drei Stammkräfte in der Offensive, was sich auch in der Torproduktion niederschlägt. Obwohl punktemässig im Soll und an der Spitze der Pacific Division liegend, schiessen die Sharks nur gerade 2.43 Tore pro Spiel. Damit sind sie das neuntschlechteste Team der Liga. In Fanforen wurde der Ruf nach Meier bereits laut (#TimoTime), doch Trainer Pete DeBoer sieht den Schweizer nicht als kurzfristige Lösung: „Es ist ein Prozess und es geht um eine Karriere und nicht um das nächste Spiel" dämpft er etwaige Erwartungen an den Schweizer. Nichts desto trotz hält die Organisation viel von ihm.

Ideale Voraussetzungen

2015 wurde Timo Meier im Spielerdraft von den San Jose Sharks in der ersten Runde und an neunter Stelle gewählt. Das ist für einen Schweizer die zweithöchste Position. Einzig Nino Niederreiter, der inzwischen erfolgreich für Minnesota Wild auf Torjagd geht, war als Fünfter besser klassiert. Und auch für die Sharks ist es der höchste Draft seit 2007 mit Logan Couture, der heute unbestrittener Stammspieler und kanadischer Nationalspieler ist. „Timo ist ein Bulle", attestiert ihm der Coach der Barracudas, Roy Sommer. „Wer mit ihm in die Ecke geht, weiss anschliessend, mit wem er in die Ecke gegangen ist". Mit seinem harten und körperbetonten Spiel bringt Meier ideale Voraussetzungen für die NHL mit. Er scheut keine Zweikämpfe, geht vor dem Tor dorthin, wo es wehtut und ist ein steter Gefahrenherd. Pro Spiel kommt er sieben- bis achtmal zum Abschluss, wovon öfters indem er rasch auf Abpraller reagiert. Dieser unbändige Wille hat Meier schon bei den Junioren von Rapperswil-Jona gezeigt und in die U-18 Nationalmannschaft geführt. Mit 17 Jahren verliess er die Schweiz nach Halifax, wo er während drei Jahren 72 Tore schoss und 88 Assists verzeichnete. Mit einem Abstecher zu Rouyn-Noranda und der zweiten Teilnahme an den U-20 Weltmeisterschaften beendete er im Frühling seine Juniorenzeit und machte sich auf nach San Jose in Richtung NHL. Das Einleben in Kalifornien fiel Meier leicht und wenn man sieht, wie er neben dem harten Konkurrenzkampf auch mit Rückfällen wie dem Pfeifferschen Drüsenfieber umgeht, dann kommt man nicht umhin, dem erst 20-jährigen eine grosse Karriere zu prophezeien.